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Reinhold Grether

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Reinhold Grether: Mai 1999

1. Die Romantik hat einen Literaturbegriff etabliert, der Literatur als ein sowohl universelles als auch spezifisches Aussagensystem versteht. Spezifisch ist dieses Aussagensystem darin, dass es unter den wirkweltentlasteten welttranszendierenden Aussagensystemen (wie Traum und Religion) alltagsübliche phantastische Momente zu sprachlich artikulierten Fiktionen professionalisiert. Einem bedeutenden zeitgenössischen Literaturwissenschaftler, Wolfgang Iser, zufolge, bezeugen diese Fiktionen die Unfeststellbarkeit des Menschen, seine Plastizität. Indem Iser das Literarische als spezifisches anthropologisches Vermögen beschreibt, kennzeichnet er es als universelle Variable, die kontextbezogen durchgespielt wird. Gerade weil Literatur seit der Romantik als universelles Aussagensystem begriffen wird, öffnet sich seitdem die Frage nach ihrer kultur- bzw. medienabhängigen Spezifikation.

2. Literatur, so lässt sich im Rahmen eines sowohl universellen als auch spezifischen Literaturbegriffs sagen, entsteht immer unter bestimmten kulturellen und medialen Bedingungen. Und soweit literarische Erzeugnisse kulturelle und mediale Produkte sind, wirken sie verändernd auf diese Bedingungen ein. Man kann also, sowohl im Durchgang durch Werke als auch im Durchgang durch deren Umfelder, Kultur- und Mediengeschichten der Literatur schreiben.

3. Wenn es Oral-, Manuskript- und Druckliteratur gibt, dann kann es auch Netzliteratur geben. Gibt es Netzliteratur, lässt sich die literarische Tradition daraufhin befragen, was an ihr schon "netzig" war. Die Retourkutsche transportiert dann Literaturgeschichten der Netzigkeit. Netzliteratur, soweit sie schon erkennbar ist, setzt jedenfalls Computer und Computernetze sowie zu Operatoren gewandelte Autoren und deren kulturelle Umfelder voraus.

4. Computer definieren Bedingungen von Netzliteratur. Drei Bedingungen möchte ich hervorheben. Sie betreffen die technische Dimension der Datenverarbeitung, die mediale Dimension des Interface und die soziale Dimension der Interaktivität. Technisch werden elektronische Schaltungszustände informiert. Dazu braucht man eine Befehlssprache, die nicht nur sagt, was zu tun ist, sondern die das Ausführen der Tat gleich mitbesorgt. Computer operieren in Kalkülen reiner selbstausführender Schriftlichkeit. Jedes Detail dieses Satzes verweist auf netzliterarische Restriktionen.
1) Wir haben es mit einer besonderen Art von Schriftlichkeit zu tun, einer Schriftlichkeit, die ihren Text gleich selber liest, versteht und aufführt. Die Bedingungen von Netzliteratur sind durch und durch performativ.
2) Es ist eine entmaterialisierte reine Schriftlichkeit, die eine Vielzahl von Medienformaten darstellen kann. Die Bedingungen von Netzliteratur sind durch und durch immateriell und medial unbestimmt.
3) Das einzige, was Computer verstehen, sind Imperative. Computer sind die reinsten militärischen Maschinen, die sich überhaupt vorstellen lassen. Jeder Befehl enthält die Instruktion seiner Ausführung, welche die Ausführung seiner Instruktion enthält. Trivial zu sagen, dass wir bei jedem Hochfahren unseres Computers Belgrad bombardieren. Die Bedingungen von Netzliteratur sind durch und durch militaristisch. Wechseln wir vom technischen Register der Datenverarbeitung ins mediale Register des Interface, so bemerken wir hier eine ins Virtuelle gesteigerte mediale Abstraktion. Interfaces spiegeln keine Wirklichkeiten sondern computerinterne datenverarbeitende Prozesse. Die dargestellte Welt referiert nicht auf Welt sondern auf Daten. Und nicht einmal in der Welt der Daten sind Originale der dargestellten Welt zu finden, da Computer Darstellungen aus heterogenen Datenbeständen generieren können, die noch niemals als Darstellung vorlagen. Netzliteratur muss mithin unter Bedingungen einer ins Virtuelle gesteigerten medialen Abstraktion operieren, die ausschließlich auf Datenprozesse referiert. Die soziale Dimension der Interaktivität schließlich, die Computer anzubieten haben, ist eine in allen ihren Operationen transparente rein informatische Kommunikativität. Nur wer sich selbst informatisiert, kann mit Computern "kommunizieren". Netzliteratur steht damit unter der Restriktion der Selbstinformatisierung aller an ihr beteiligten Personen.

5. Netze setzen gemeinsame Protokolle voraus. Diese Protokolle vernetzen die angeschlossenen Computer zu einem virtuellen Gesamtcomputer, einer Compusphäre, die sich gemäß den Aktivitätsimpulsen der beteiligten Geräte unaufhörlich verändert. Die Computer markieren die technischen Grenzen der Compusphäre und heißen deshalb Terminals. Zwischen den Terminals zirkulieren Datenpakete. Diese bestehen aus einem Frachtbrief und einer Fracht. Der Frachtbrief sichert den Transport und die Fracht umfasst die Kopie eines Datenabschnitts der zu übertragenden Datei. Die Datei selber zirkuliert nicht. Datenseitig stellt sich der virtuelle Gesamtcomputer, die Compusphäre, als virtuelles Gesamtdatenwerk, als Datasphäre, dar. Und wieder haben wir das faszinierende Bild vor uns, dass sich die Topographie dieser Datasphäre mit den aktualisierten Datenpaketen unablässig ändert. Erreichen die aktiven Datenpakete ihre Zielrechner, stellen sie ihre Zustände auf deren Interfaces dar. Es gibt also auch eine global verteilte, dynamische Intersphäre. Soweit die Interfaces die Form von Monitoren annehmen, erscheint die Monisphäre des virtuellen Gesamtmonitors als gigantischer Split-Screen. Mit diesem Split-Screen "kommuniziert" der gerade aktive Teil der informatisierten Kulturmenschheit. Und alles, was die informatisierte Kulturmenschheit, sozusagen die Infhumsphäre, als Daten darstellen kann, das kann in Form von Interface-Kommunikation auch kommuniziert werden. Zwar handelt es sich um eine ins Virtuelle gesteigerte mediale Kommunikation, aber wenig spricht dagegen, virtuelle Kommunikation als Erweiterung des menschlichen Kommunikationsspektrums zu behandeln. Der virtuell kommunizierende Teil der informatischen Kulturmenschheit bildet eine fluktuierende "virtuelle Gesellschaft", die ausschließlich in Datenprozessen existiert. Virtuelle Gesellschaften sind total transparente Gesellschaften, da virtuelle Kommunikationen aus langspeichernden Zwischenablagen ausgelesen und ihren Adressen zugerechnet werden können. Diese Adressen führen letztendlich zu personellen psychischen Ensembles, die selber wieder komplexe kommunikative Beziehungen zu ihren informatisierten virtuellen Pseudopodien unterhalten. Auf diese Weise umspielt das Fluidum der Psychosphäre den harten Kern der Compusphäre.

6. Netzliteratur agiert immer unter militaristischen, performativen und medialitätsoffenen Codierungs-, virtuell konstruierenden Darstellungs- und informatisierenden sowie auf Transparenz ausgelegten Kommunikationsbedingungen. Indem Netze diese Bedingungen zu dynamischen Topologien ausschreiben, entstehen sowohl auf den topographischen Oberflächen als auch zwischen den unterschiedlichen Sphären Verwirbelungen, Dissonanzen und Unruhezonen, die von Netzliteratur aufgegriffen, bloßgestellt und in einen reflexiven Zusammenhang gebracht werden können. Die informatischen Differenzen blieben freilich ohne ästhetische Konsequenz, würden sie nicht von einer viel grundlegenderen Differenz hinterfangen, die sich zwischen dem informatischen Berechenbaren und dem psychischen Unverrechenbaren aufbaut. Vermutlich ist gerade die Ausdifferenzierung der Differenz berechenbar/unverrechenbar der Treibsatz jeder Netzästhetik.

7. Netzliteratur kann auf der Ebene des komputationellen Militarismus intervenieren, indem sie den Terminal des Rezipienten für einen begrenzten Zeitraum dessen Kontrolle entzieht und dem eigenen Kommando unterstellt. Die Bandbreite reicht von freundlicher Übernahme über die Chaotisierung von Funktionen und über die Veränderung von Daten bis zum lancierten Systemabsturz. Code kann auf vielfältige Weise exponiert werden: durch Viren, durch Bildschirmpenetration, durch Transformationsverfahren, die ihn aushöhlen, überwuchern oder shreddern. Eine breite Interventionsskala bieten neu- und umzuschreibende Anwendungen. Autoren programmieren Textgeneratoren oder eigene Schreibwerkzeuge oder alternative Datendarstellungsinstrumente. Die Netze bergen ein unauslotbares Reservoir an Daten, die in unterschiedliche Kontexte überführt, umgruppiert, verfremdet und neu montiert werden können. In Form von Hypertexten können Texte selbst als Netze ausgelegt werden. Narratoren enthalten interaktiv explorierbare alternative Erzählstränge. Fiktive Personen können in nichtkünstlerische Netze implantiert werden und dort "real" handeln. Zunächst mögen sie marionettenhaft geführt werden, je mehr sie aber mit Künstlicher Intelligenz aufgeladen werden, desto selbständiger agieren sie. Netze sind zudem ideale Einschreibflächen kollaborativer Autorschaft. Das reicht von der Vorgabe klar umrissener Formate, deren Adressierung in einem Netz von Versionen resultiert, über Kettentexte, die von wechselnden Personen fortgeschrieben werden, bis zu komplexen Werken, an denen eine Vielzahl von Autoren mitarbeitet.

8. Schon diese kurze Synopse möglicher Varianten von Netzliteratur macht die Unterschiede zur Druckliteratur deutlich. Druckliteratur setzt bekanntlich Handschriften unter Druck. Handschriften lagen zwar Unikate oder Kompilationen zugrunde, aber diese verloren sich in einem unüberschaubaren Wust von Abschriften. Der Druck wurde nicht zuletzt deshalb erfunden, um zu einem gesicherten, identischen, reproduzierbaren und verbreitungsgleichen Dokument zu kommen. Das war nur möglich, wenn man den Konvergenzpunkt aller Abschriften identifizieren konnte. Durch Ausschaltung der Schreiberketten gelangte man zu einem Texturheber, dem Autor, der den Druck einer Anzahl sichselbstgleicher Dokumente autorisierte. Autorenschaft und Subjektivität, Copyright und Identität, Dokument und Reproduzierbarkeit beschreiben Eckwerte der Druckkultur. Von all dem kann in Netzen nur schwerlich die Rede sein. Auf den ersten Blick erscheint das Netz zwar als eine Art Super-Buch, als Docuverse, das alle Texte allüberall verfügbar macht. Geht man aber auf die Buchdruck und Docuverse begründende Schriftlichkeit zurück, werden die Unterschiede schnell deutlich. Der Buchsatz fixiert eine unverrückbare Buchstabenfolge, die Netzdatei ist nichts anderes als die momentane Version eines Fließtextes. Das Buch zielt auf Dauer, die Datei auf Verwandlung. Ein Starrkopf begegnet einem Tänzer. Murmelt die dokumentarische Schriftlichkeit noch unablässig, ein Buch ist ein Buch ist ein Buch, generiert ihr performativer Widerpart eine Datei nach der anderen und überholt sich in immer neuen Medienformaten. Letzteres erklärt, warum Sprachgestaltung in Netzliteratur auf Code durch- und auf Multimedialität ausgreifen muss. Und nebenbei gewinnt auch die Rede vom Tod des Autors Sinn. Wenn es nämlich in digitalen Netzen vorwiegend um Versionen, Montagen und Formatwechsel geht, dann tritt die auktorielle Selbstentäußerung zugunsten von Austausch, Kommunikation, Kooperation und sozialer Datenverarbeitung in den Hintergrund. Netzliteratur koordiniert Konzept-, Programmier-, Design- und Kommunikationskompetenzen zu Performaten digitaler Schriftlichkeit, die keiner Autorinstanz mehr zugerechnet werden können.

9. Freilich gehen die Monteure, Operatoren und Performer der Netzliteratur nicht in ihren Funktionen auf. Spielen sie nur technische Möglichkeiten durch, schaffen sie jedenfalls nicht Kunst. Kunst setzt, wieder seit der Romantik, die Selbstentblößung des eigenen Mediums voraus. Nun kann es durchaus sein, und ist sogar wahrscheinlich, dass sich unter Bedingungen der Netzkultur auch der Kunstbegriff wandelt. Auf sehr lange Sicht ist vorstellbar, dass posthumane Gattungen den Funktionalismus ihrer Vernetzung nicht mehr zugunsten ästhetischer Reflexionen unterbrechen. Die Einführungs- und Durchsetzungsphase der Netzkultur dürfte demgegenüber die Sensibilität für die Grenzlinien zwischen Virtuellem und Realem, Informatischem und Lebendigem, Digitalem und Analogem, Vernetztem und Individuellem, Funktionellem und Ästhetischem deutlich steigern. Triftige Netzliteratur dürfen wir deshalb gerade von solchen Performer-Autoren erwarten, die den Konflikt zwischen Virtualismus und Psychismus in sich austragen und in hybriden Medien zur Darstellung bringen.

10. Die multizivilisatorischen Ökumenen der ersten Achsenzeit professionalisierten den Psychismus, die westliche Ökumene der zweiten Achsenzeit startet die Professionalisierung des Virtualismus. Kern des Psychismus sind Transzendenzerfahrungen. In ihren Spitzen werden diese Transzendenzerfahrungen als derart überwältigend erlebt, dass die gleich darauf einsetzenden Versuche, sie in den jeweiligen kulturellen Begrifflichkeiten zu beschreiben, gewaltige Umschichtungen der traditionellen Vorstellungswelten und Lebensordnungen auslösen. Den Neuordnungen der Seele folgen Neuordnungen der Lebenswelt. Von den alten Ökumenen herauf bis in unsere Zeit war der Psychismus eine kaum zu überschätzende Ordnungsmacht der Personen, Staaten und Kulturen. Wie jede Ordnung kann auch die Ordnung des Psychismus in Perversion umschlagen. Das passiert immer dann, wenn die Transzendenzerfahrung zum alleinigen Maßstab aller Lebensbezüge gemacht wird. Man lässt sich dann dazu verführen, alles Widerstrebende auszurotten. Genauso unheilvoll ist die Absolutsetzung der eigenen Akkulturation der Transzendenzerfahrung. Die Folge sind Ausrottungskriege zwischen Interpretationsgemeinschaften. Soviel wir über den Psychismus wissen, so unklar ist sein Verhältnis zu anderen anthropischen Ordnungsfaktoren. Eine alternative Ordnungsmacht entsteht vermutlich über Kooperation. Deren Theorie kann zeigen, dass Menschen meist pfleglicher miteinander umgehen, wenn sie wissen, dass es zu weiteren Kontakten kommt. So ließe sich der Arbeit und Wissen, Markt und Interaktion umfassende Kooperativismus als horizontal gegendifferenzierte Gegenmacht gegen die Perversionen des vertikal einschlagenden Psychismus interpretieren. Die Professionalisierung des Kooperativismus wäre dann die abendländische Antwort auf die Perversion der europäischen Religionskriege. Und die im Westen nunmehr einsetzende Professionalisierung des Virtualismus mit seinem kaum zu überschätzenden weltweiten Kooperationspotential wäre die Fortsetzung dieser horizontalen Tradition in die digitalen Welten hinein. Wir müssen aber schon unseren ganzen Optimismus aufbieten, um dieser Perspektive zu trauen, sind doch die Perversionen des Virtualismus allzu offensichtlich. Wie der Psychismus setzt auch der Virtualismus sich als absolut. Zuviel ist berechenbar, um nicht alles für berechenbar zu halten. Wenn aber alles Information ist, dann auch die Lebenswelt und ihre Bewohner. Deren Materialitäten sind nichts weiter als vorläufige Prothesen, die im Zuge des informatischen Fortschritts entbehrlich werden. Und was sich nicht freiwillig in Virtualität auflöst, wie vielleicht der Psychismus, muss auf andere Art beseitigt werden. Doch wie der Perversion des Virtualismus begegnen? Durch erneute Gegendifferenzierung! War der Kooperativismus (und mit ihm der Virtualismus) eine horizontale Gegendifferenzierung gegen den vertikalen Psychismus, geht es nun um eine Gegendifferenzierung gegen den Virtualismus durch eine Reaktualisierung des Psychismus. Der bedeutendste Autor, der dieses Projekt im deutschen Sprachraum betreibt, ist Peter Sloterdijk. Reaktualisierung des Psychismus heißt nicht Reaktivierung seiner Perversionen, sondern Öffnung der Seele auf alles Unverrechenbare. Wer wie Netzliteratur auf weltkulturerzeugende Impulse zielt, wird das Spannungsfeld zwischen Berechenbarem und Unverrechenbarem zur Entfaltung bringen müssen.

11. Ich schreibe diese Thesen kurz vor Pfingsten 1999 als Zeuge der Kumulation der hier beschriebenen Perversionen. Im serbischen und albanischen Nationalismus bekämpfen sich pervertierte psychische Begeisterungsgemeinschaften. Gegen den serbischen Nationalismus erhebt sich ein pervertierter psychischer Humanismus, der sämtliche eigenen Rechtsvorschriften bricht, um sie seinem Kontrahenten abzuverlangen. Ein pervertierter Destruktionsvirtualismus schafft sich seinen eigenen Kriegsschauplatz, der nur tangential mit dem nationalistischen Kriegsschauplatz in Verbindung steht. Während die beteiligten Bevölkerungen entweder flüchten oder standhalten, erleben die humanistischen Bevölkerungen die in ihrem Namen geführten Kriege als Medienspektakel und Propagandaexzeß. Weit hinten am zentralasiatischen Horizont glimmt schon die Lunte des Weltbürgerkriegs zwischen der neuen Ökumene des virtualisierten Westens und den alten psychistischen Ökumenen Chinas, Indiens, Islamistans und Rußlands.

Reinhold Grether

Netzliteratur und das globale Imaginäre
Die Weltrevolution nach Flusser

 

 

 


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